Billiges Bier, selbstverliebte Moderatoren…

 …und manchmal sogar Knutschen

Erinnerungen an Nachwuchsfestivals – für das Programmheft von „FiSH“ in Rostock“, Mai/2011

Noch bevor ich mit dem Studium an der Filmhochschule begann, war ich fast zwei Jahre mit meinen ersten Kurzfilmen auf Nachwuchsfilmfestivals unterwegs. Ich wurde richtig süchtig danach. Und ich lernte endlich mal das Land kennen, in dem ich eigentlich lebte. Mich verschlug es auf kleine, regionale Wettbewerbe wie den „Treff für junge Filmer-Innen Alfeld“ und auf Festivals wie „Jugend und Video“ (heute „Deutscher Jugendvideopreis“) und „Junger Film“ („FiSH“).
Es gibt erstaunlich viele davon, wenn man lange genug in die Winkel der Republik schaut. Viele Städte und Gemeinden kamen scheinbar spätestens in den 90ger Jahren auf die Idee, die Jugendlichen im Umgang mit den neuen Medien nicht unbeaufsichtigt zu lassen. Oder um es etwas dankbarer zu formulieren: Es entstand ein Haufen Videogruppen und Jugend/Kunst/Medien-Werkstätten, denen ich eine verdammt gute Zeit und ein gutes Stück Erfahrung zu verdanken habe.

Was meine Filme angeht, so schrieb und drehte ich sie damals mit Freunden selbst. Aufgezeichnet wurde auf einem VHS-Umhängerekorder, und geschnitten am Zwei-Maschinen-Schnittplatz. Linear versteht sich, Schnitt für Schnitt. Wenn man Musik auf eine Szene legen wollte, musste man erst den geschnittenen O-Ton auf eine Audiokassette überspielen, und dann mit der Musik zusammen wieder zurück auf die VHS-Tonspur. Rückblickend kommt es mir vor, als hätte ich mit den Urgewalten der Videotechnik persönlich gekämpft.
Mit meinem Zivildienstgehalt wagte ich mich dann auch an Super-8 und 16mm, was aber nicht weniger kompliziert wurde. Den ersten 16mm-Negativschnitt habe ich mit Sekundenkleber und einer alten tschechischen Klebepresse gepanscht. Das Kopierwerk hat sich nicht einmal beschwert, aber der fertigen Film sprang immer eine halbe Sekunde vor jedem Schnitt, und die Abdrücke der Sekundenkleber-Fäden zogen durchs Bild.

Aber das alles ist Nostalgie. Technisch gesehen sieht das unabhängige Filmemachen heute zum Glück ganz anders aus. Nur emotional gesehen hat sich wohl kaum etwas verändert. Denn man findet auf diesen Festivals das erste, richtige Publikum!
Das waren nicht nur Freunde oder die Großeltern die entweder alles brillant oder „irgendwie doch unverständlich“ fanden. Sondern das war eine fremde, filminteressierte Meute, bei denen man nie wusste wie gut oder unbarmherzig sie gerade gepolt war. Mit einem „richtigen“ Publikum zusammen sah ich meine eigenen Filme zum ersten Mal mit anderen Augen. Meine Wahrnehmung wurde auf „Reset“ gesetzt. Alle Freuden und Schwierigkeiten während des Drehs waren mit einem Mal weggefegt. Man sieht dann nur noch das, was das Publikum sieht. Und das kann wunderschön, oder ernüchternd sein wie ein Kolbenfresser. In jedem Fall ist es die Wahrheit. Und mit der lässt sich’s dann doch immer am besten leben und arbeiten.

Ich begriff was es heißt, das Publikum in jeder Sekunde mitfiebern zu lassen, dafür zu sorgen dass die Lacher auf den Punkt genau sitzen und der Applaus exakt beim Erscheinen des Abspannrollers einsetzt. Und natürlich erfuhr ich auch das schmerzliche Gegenteil, wenn die Meute unruhig auf den unbequemen Holzbänken des Jugendzentrums herumrutscht und mitleidig mit einer 2/3 Sekunde Verzögerung auf gewollte Gags und Überraschungen reagiert… im Anschluss an die grauenvolle Verführung muss man sich dann noch von einem selbstverliebten und zweitklassigen Möchtegern-Moderator demütigen lassen.

Selbst als ich mitten im Studium war, habe ich nicht aufgehört meine Regieübungen einzureichen. Das sollte nicht aufhören, die anderen Filme, die neuen Bekanntschaften, das billige Bier und ein Austausch, den ich sonst nirgends finden konnte, nicht mal auf der Filmhochschule. Und manchmal, wenn’s besonders gut lief, konnte man sogar knutschen. Das wurde für mich als eher schüchternen Typen zu einem weiterem guten Grund, noch bessere Filme zu machen.

Ich will übrigens nicht sagen, dass man immer versuchen sollte, es dem Publikum recht zu machen. Das Publikum will überrascht werden. Sobald man sich anbiedert hat man verloren. Aber ich glaube, dass man als Filmemacher immer einen Dialog mit dem Publikum führt. Und wie in einem lebendigen Gespräch geht es dann um Dinge wie Schlagfertigkeit, Humor und Ehrlichkeit – und immer um Überraschung.

Diese Zeit vor und zu Beginn meines Studiums war wie eine Schule vor der Schule. Ich bekam eine Ahnung davon, was ich gut kann und wovon ich lieber die Finger lasse. Es geht ja nicht ausschließlich darum, das technische Handwerk des Filmemachens auf die Ketten zu bekommen, sondern vor allem sich selbst als Filmemacher zu positionieren. Und den Kontakt zum Publikum findet man als junger Filmemacher nur auf Festivals. Da sollte man meiner Meinung nach alles mitnehmen was geht.