Gleissendes Glück

Helene Brindel glaubt Gott verloren zu haben, aber es ist Liebe, die ihr fehlt. Zu Hause ist diese schwer zu finden. Aber vielleicht in Hamburg, wo Helene auf den schillernden Professor Eduard E. Gluck trifft, mit seiner ‚Neuen Kybernetik‘. Und seiner Paraphilie.
Und was passiert, wenn der Beichtvater selbst anfängt zu beichten? Eine schöne und erschreckende Untersuchung von Leidenschaft und Pornografie, von der schmerzenden Suche nach Erlösung und Selbstbestimmung.

Die Verfilmung von A.L.Kennedys Kurzgeschichte „Original Bliss“.


mit Martina Gedeck, Ulrich Tukur, Johannes Krisch

Regie: Sven Taddicken
Buch: Sven Taddicken, Stefanie Veith, Hendrik Hölzemann nach der Kurzgeschichte „Original Bliss“ von A.L. Kennedy
Bildgestaltung: Daniela Knapp / Montage: Andreas Wodraschke
Musik: Riad Abdel-Nabi, Wouter Verhulst
Produktion: Frisbeefilms, Alexander und Manuel Bickenbach

Preise:
Karlovy Vary Int. Film Festival 2016: FIPRESCI award + European Cinemas award
Film by the Sea, Vlissingen 2017: beste Literaturverfilmung
Kino! German films in New York 2017: Audience award



„Wenn man die Geschichte knapp zusammenfasst, klingt sie reichlich krude: Eine unglückliche Hausfrau hört in einer ihrer vielen schlaflosen Nächte einen sehr bekannten Psychologen im Radio und kauft sich daraufhin dessen neues Buch. Seine These über das Glück besagt, dass man die Wirklichkeit mit seinen Gedanken steuern und sich selbst umprogrammieren könne wie einen Computer – das fasziniert sie.

Ja, die Frau fährt sogar in die Stadt, in der sich der Mann gerade aufhält, besucht einen seiner Vorträge und nimmt persönlich Kontakt auf. Die beiden fühlen sich zunehmend zueinander hingezogen, ohne dass sich zunächst eine Affäre entspinnen würde. Die Frau fährt wieder nach Hause, zu ihrem Ehemann, der sie indes immer mehr misshandelt – wohl in ohnmächtiger Wut darüber, dass er ihr nicht wirklich nahekommen kann. „Immer dieses kleine Lächeln“, schreit er einmal – und sie lächelt dieses kleine Lächeln.

Man muss dieses Lächeln in der Kinoadaption von A. L. Kennedys Roman „Gleißendes Glück“ gesehen haben, um einmal mehr zu begreifen, was für eine großartige Schauspielerin Martina Gedeck sein kann, zumal wenn ihr ein fähiger Regisseur zur Seite steht. Sven Taddicken (unter anderem „Emmas Glück“) hat es unternommen, Bilder und Kameraperspektiven zu finden für all das Ungesagte, im Raum Schwebende, Subkutane, das die britische Autorin Kennedy so kunstvoll mit Sprache umschrieben hat. Die Handlung ihres Romans wurde aus Filmfinanzierungsgründen von England nach Deutschland verlegt; aus Helen Brindle wurde Helene Brindel. Ulrich Tukur verkörpert den Psychologen Eduard E. Gluck und Johannes Krisch Helenes gewalttätigen Ehemann Christoph.

Er ist der armseligste von drei Menschen, die mit jeweils eigenen Dämonen kämpfen – ein Mann, der seine Frau verloren hat, lange bevor sie auch nur daran denken würde, ihn zu verlassen. Helenes freundliche Distanziertheit treibt Christoph immer mehr zur Raserei, wobei er nicht begreifen will, dass dies ihre Waffe ist gegen die verbalen Verletzungen, die der physischen Gewalt vorausgehen. Helene war früher sehr religiös; ihr Mann hat das nicht respektiert. Ja, er hat sie lächerlich gemacht, herabgesetzt durch primitive Sexualisierung. Nun ist Helene in ihrem Unglück „ein Mensch ohne Glauben“, wie sie Herrn Gluck gesteht, und sie leidet sehr daran, Gott verloren zu haben. Gleichzeitig agiert Helene übergriffig, wenn sie Gluck gleich bei der ersten Begegnung kritisiert: „Ihre Haare sind zu lang!“ Er lässt sie sich sofort schneiden. Auf ihre Gottlosigkeitsklage erwidert er pseudolässig: „Wir sind, wie wir sind.“

Das ist ein machtvoller, tröstlicher Satz, zutiefst wahr für alle drei Beteiligten in ihrem spezifischen Unglück; Eduard Gluck beispielsweise ist pornosüchtig. Und doch wird hier die Geschichte einer Heilung erzählt.

Sieht man etwa Helene anfangs in deprimierend neutralfarbener Kleidung in ihrem deprimierend neutralfarbenen Haus agieren, Lampen putzen und Polster glätten, zieht sie bald aus in die Welt, steigt in einem kleinen Hamburger Hotel ab, in dem auch Eduard bald ein Zimmer bucht. Sex wird indes erst einmal nur verbal verhandelt, wenn am Zimmertelefon die pornografischen Fantasien vollkommen unerwartet herausbrechen aus Eduard – auch ein Übergriff. Helene beendet den Kontakt zunächst, nimmt ihn dann aber wieder auf.

„Gleißendes Glück“ erzählt die Geschichte dreier Menschen, die sich verloren haben. „Sie beginnt als eine komische Geschichte über ein ungleiches Paar und wird dann dunkler und dunkler … Je tiefer die Geschichte in die Verwicklungen der Figuren vordringt, desto schwerer fällt es, sich eine (Er-)Lösung für die beiden vorzustellen“, sagt Taddicken. Sein Film fasst das eigene Universum, das jeder Mensch verkörpert, in Bilder voller behutsamer Empathie für die Figuren, denen indes nie zu nahe getreten wird. Es ist ein Film über Dominanzen und Machtverhältnisse, die sich immer wieder verschieben, über Fantasien und deren vielleicht mögliche Realisierung, Voyeurismus und Exhibitionismus, über das Begehren und den Aufschub der Erfüllung. Und über Seinsfragen, die im Wortsinn existenzielle Bedeutung gewinnen, wenn Helene bei Lebensgefahr noch ein letztes Mal zu Christoph zurückkehrt.

Nicht zuletzt ist der Film unglaublich sexy, obwohl sich das meiste im Gesicht von Ulrich Tukur und Martina Gedeck abspielt. Gedeck legt irgendwann den eigenwilligsten Striptease der deutschen Kinogeschichte hin. „Ich bin kein guter Mensch. Ich tue nur nicht immer, was ich will“, sagt ihre Helene. „Gleißendes Glück“ ist Kinoglück.“

Anke Westphal, Frankfurter Rundschau


Podiumsdiskussion mit A.L. Kennedy und ST auf dem Glasgow-Filmfestival 2017


Jury-Begründung FBW-Stelle

Prädikat besonders wertvoll

Früher, als Helene Brindel (Martina Gedeck) noch an Gott glaubte, war alles gut. Doch seitdem sie ihren Glauben verloren hat, ist nichts mehr so wie zuvor. Nachts wacht sie auf und findet nicht mehr zurück in den Schlaf, sie geistert dann durch das Haus, richtet das Brot und den Saft für ihren Mann und schläft erst gegen Morgen wieder ein. Und ihr Gatte zeigt wenig Verständnis für das Verhalten seiner Frau – für das frühere, das von einer tiefen Frömmigkeit geprägt war, ebenso wenig wie für das jetzige. Die Spannung zwischen den beiden Eheleuten ist mit den Händen zu greifen. Und manchmal bricht es aus dem Mann (kongenial verkörpert von Johannes Krisch) hervor und entlädt sich in gewalttätigen Übergriffen gegen seine leidende Frau. Bis die ehemals fromme Helene eines Tages einen Radiobeitrag über den Gehirnforscher Eduard E. Gluck (Ulrich Tukur) hört, der mit seiner „neuen Kybernetik“ verspricht, dass jede/r seines Glücks Schmied sein kann und dass sich das Gehirn umprogrammieren lässt wie ein Computer. Also macht sie sich unter einem Vorwand auf nach Hamburg, wo Gluck gerade einen Vortrag hält und spricht den Wissenschaftler mutig an. Zwischen den beiden entsteht eine Verbindung, die Helene schließlich zurück führt in ein neues Leben. Doch auch Gluck ist eine leidende Seele …

Auch wenn GLEISSENDES GLÜCK im Grunde schwere und auch düstere Fragen über menschliche Abgründe und das Ringen um die eigene Identität und die Autonomie verhandelt, so löst dieser Film für den Zuschauer das ein, was der Titel verspricht: „Gleißendes Glück“. Das liegt an vielen Faktoren – zuvorderst an den durchweg exzellenten Schauspielern, bei denen neben Martina Gedeck und Ulrich Tukur vor allem Johannes Krisch als gewalttätiger Ehemann hell leuchtet.

Auch die Ausstattung ist mehr als gelungen: Obwohl der Film eindeutig in der Gegenwart verortet ist, fühlt man sich immer atmosphärisch wieder auf die 1950er und 60er Jahre verwiesen, auf eine bleierne Zeit also, in der Rollenbilder und Glaubensfragen eine ähnliche Dringlichkeit besaßen wie in dem Film selbst.

Beeindruckend beispielsweise, wie Sven Taddicken den finalen Gewaltausbruch im Hause Brindel inszeniert: Der Zuschauer wird Zeuge einer stummen Tat, aus der die Menschen subtrahiert zu sein scheinen. In SloMo-Tableaus sehen wir nur, wie die Gegenstände umherfliegen, die Möbel zu Bruch gehen, das Glas splittert, nicht aber die Handelnden selbst – eine Szene von irritierender Intensität, die wieder einmal daran erinnert, wie subtil und wirkungsvoll Gewalt inszeniert werden kann, ohne erbarmungslos draufzuhalten.

Aufgrund der Schonungslosigkeit, mit der Sven Taddicken seine Geschichte vorträgt und auch wegen einiger durchaus ambivalenter Wendungen wie etwa dem finalen Opfergang Helenes, der Erinnerungen an Lars von Triers Film BREAKING THE WAVES hervorruft, besitzt der Film durchaus das Potenzial, sein Publikum zu spalten und aufzurütteln. Doch genau hierin besteht seine besondere Qualität, die den Film weit über das Niveau ähnlicher Werke heraushebt. Ein Glücksfall!